DER MEDIALE MENSCH by Prof. Dr. Chris Dorn

Aktualisiert: Juni 13

Wir alle sind Erinnerung und einzig die Geschichten, die wir in uns tragen, machen uns zu den Menschen die wir sind. Was aber, wenn uns diese Erinnerung nicht gefällt? Was, wenn sie uns zu Menschen macht, die wir nie sein wollten...



(Prof. Dr. Chris Dorn, 12/2003)


Wir alle sind Erinnerung und einzig die Geschichten, die wir in uns tragen, machen uns zu den Menschen die wir sind. Was aber, wenn uns diese Erinnerung nicht gefällt? Was, wenn sie uns zu Menschen macht, die wir nie sein wollten...


Die mediale Durchdringung unserer Gesellschaft führt dazu, dass Erinnerung, Fiktion und Realität immer mehr verschwimmen. Indem uns pausenlos suggeriert wird, dass uns alles und jedes zu interessieren hätte, mutieren wir zu Medienzombies, die angesichts der Quantität des Komplexen und der Qualität des Illusorischen, zunehmend kritiklos konsumieren. Der Widerstand ist gebrochen – Zeitungen, Radio, Fernsehen, Computer, Internet – es geschieht und wir lassen es geschehen!


Haben wir es nicht alle gewusst? Bin Laden war es – klar! Das Video beweißt es – oder doch nicht? Vielleicht?! Vielleicht ist zwar noch nicht die Antwort auf alles, mittlerweile aber doch auf sehr vieles. Seit Hollywood in der Lage ist Galaxien zu erschaffen und längst versunkene Schiffe aufs Neue zu versenken beginnen wir zu ahnen, dass der von uns er- und zunehmend gelebte Schein manipuliert sein könnte. Authentizität wird virtualisiert. Menschen und Dinge werden transformiert zu etwas, was sie nicht sind – vielleicht weder sein wollen noch sollen.


Geld macht Macht und Macht macht Geld. Mit „Nachrichten“ wird mittlerweile sehr viel Geld gemacht und bevor man darauf verzichtet, macht man selbst aus einem qualitativen „Nichts“ ein quantitatives „Etwas“. Berichte von Menschen, über Menschen, durch Menschen. Degradiert zu Inhalten, zu Statisten, zu Konsumenten - manipuliert, überfordert, vergewaltigt.


Explosionen beherrschen seit dem 11. September die Welt. In Israel, in den USA, in Irland, in Indien, in Pakistan, in Afghanistan und – medial unterstützt – reicht die Druckwelle bis in unser Erleben. Es explodieren Hoffnungen, Wünsche, Träume und Mitgefühl. Es explodieren Alte, Kranke, Frauen, Männer, Kinder und zuletzt - das Leben an sich. Und wir? Wir sind alle live dabei und maßen uns ein Urteil an. Wir kennen zwar unseren Nachbarn nicht mehr, wissen aber genau wer Recht hat und wer nicht, wenn die Bomben fliegen.


Mein Gesicht spiegelt sich im Monitor. Vor mir liegen Körperteile die einmal Menschen waren. Abgesprungen aus Panik, beflügelt von Todesangst, aufgeschlagen in der Realität. Zerschmettert. Nur Bilder – aber mir geht es nicht gut dabei. Bilder für die es keine Worte gibt – noch nicht, oder – nicht mehr? Bilder die das Menschsein in Frage stellen. Bilder die Sinnhaftigkeit auflösen und dem Entsetzen den Weg bereiten. Bilder von Menschen, die zerfetzt wurden von dem, was aus unserer Gesellschaft geworden ist und ich frage mich, ob es diese Bilder auch dann geben würde, wenn niemand sie sehen wollte? Ich habe die Wahl – sie hatten sie nicht. Ich kann nicht verstehen, dass man etwas, das einmal ein Mensch war und nun zu einem „Etwas“ gemacht wurde, nocheinmal „ins Visier“ nimmt und – abdrückt! Es wird nie mehr so sein wie es war, alle sagen das und gehen im Leben weiter. Aber meine Welt hat sich verändert.


Profitsucht und Sensationsgier die die Menschlichkeit und das Mitgefühl strangulieren, zur Farce degradieren - ich sehe die Bilder, halte inne, fühle und weiß:


Das ist nicht das Leben, das ist menschlich...


Schein treibt unseren Zeitgeist – Sein ist nichts mehr wert. Nur Wenige bestehen gegen das, was wir uns täglich vorgaukeln. Wir alle sind dynamisch, jung, schön, reich und glücklich. Was zählt ist, sich zu präsentieren – zu repräsentieren - scheinen was erwartet wird und Spaß um jeden Preis. Getrieben von der Hoffnung einem diffusen Anspruch zu genügen, nehmen wir den Verlust der Identität in kauf. Indem Oberflächlichkeit zum Maßstab wird suggerieren wir uns ein armes Leben in einer reichen Welt. Niemand interessiert sich nicht mehr für die Wesen hinter ihrem polierten Schein. Wir vereinsamen, leiden, scheinen weiter und wenn überhaupt, erkennen wir oft zu spät, dass der Mensch stets nur aus sich selbst wirkt.


Wohin man blickt: Solutions for a small planet - alles ist so einfach. Wir beherrschen eine schrumpfende Welt auf der ganze Konzerne entmaterialisieren. Das Leben reduziert auf Null und Eins. Menschen konsumieren Menschen, Identitäten werden austauschbar, Probleme existieren nicht. Kann das reale Paradies in dem wir leben, die Sonne die uns wärmt, die Boden auf dem wir stehen und das Wasser, aus dem wir großteils existieren dagegen noch bestehen? Scheinbar nicht.


Wir sind unzufrieden im Frieden, langweilen uns im Überfluss und neben all den uns suggerierten „Hypes“ wird die Existenz zur Nebensache. Der Apfel schmeckt, obwohl das Paradies in Flammen steht und die, die löschen könnten, gießen Öl ins Feuer - wärmen sich und sehen zu, wie die verbrennen, die nicht einmal wissen, dass es ein Paradies gibt, aber täglich die Hölle erleben.


Unsere ach so tolle „Informationsgesellschaft“ kränkelt! Befallen von einem nach Party und Lifestyle gierenden Virus, lassen wir uns nur zu gern manipulieren und absorbieren ungefiltert was man uns glauben machen will. Wir konsumieren um jeden Preis und erkennen dabei nicht, dass Zufriedenheit in Rechnung gestellt und mit Glück bezahlt wird. Emotional bankrott, zerschlissen von der pausenlosen Suche nach einem Glück, von dem wir nicht einmal mehr wissen worin es besteht, werden funktionierende Selbstkonzepte zum Glücksfall.


Zeit zum Nachdenken bleibt kaum noch und immer seltener erkennen wir, dass man das, was uns zu Menschen macht, nicht konsumieren kann. Man bekommt es geschenkt oder sucht es, oft verzweifelt, ein Leben lang – Liebe, Achtsamkeit und Mitgefühl. Entscheidend scheint mir, dass wir, wenn wir uns am Ende die Frage stellen, ob es „DAS“ wert war, in der Lage sind zu sagen, was „DAS“ denn eigentlich war. Leichter zu beantworten ist die Frage für all jene, die das Universum stets fest im Blick behalten, denn sie verstehen, welche Stellung dem Menschen – auch oder gerade – in einer medialen Welt zukommt.

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